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Neue Medien und individuelle Förderung an Ganztagsschulen

Ein Interview mit Prof. Dr. Bardo Herzig von der Ruhr-Universität Bochum
Prof. Dr. Bardo Herzig
Prof. Dr. Bardo Herzig

Der Ganztagsschukongress der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung fand zum zweiten Mal im Berliner Congress Center am Alexanderplatz statt. Über 1.400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren aus allen Bundesländern und dem europäischen Ausland zum Kongress geströmt, um sich über das Thema „Individuelle Förderung – Bildungschancen für alle“ auszutauschen. Fachvorträge, Workshops und   Präsentationen verschiedener Ganztagsschulen und Institutionen ergaben ein vielfältiges Programm. Auch Schulen ans Netz war mit seinem Projekt Freie Lernorte - Raum für mehr  mit einem Informationsstand und in Workshops vor Ort vertreten. In den Workshops konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit zwei Experten des Projekts über die Etablierung zeitgemäßer Lehr- und Lernformen mit Medien sowie didaktisch sinnvolle Raumgestaltung in so genannten Freien Lernorten diskutierend.

Im Kuppelforum des Congress Centers sprach Prof. Dr. Bardo Herzig von der Ruhr-Universität Bochum zum Thema „Neue Medien und individuelle Förderung“. Für ihn haben neue Medien ein hohes Potential, Lernprozesse zu verbessern. Allerdings sind neue Medien seiner Ansicht nach nicht per se wirksam, sondern ihre erfolgreiche Nutzung ist von Lernsoftware, Lernvoraussetzungen , Lernarrangement und nicht zuletzt einer anregungsreichen Lernumgebung für Schülerinnen und Schüler abhängig.
In einem Interview mit Schulen ans Netz äußerte sich Prof. Herzig zu den Themen Freie Lernorte und Medieneinsatz an Ganztagsschulen.

Freie Lernorte sollen die neuen mit den traditionellen Medien an Ganztagsschulen verbinden und von allen Lehrenden und Lernenden flexibel und frei zugänglich genutzt werden können. Herr Prof. Herzig, stellen Sie sich vor, Sie hätten die Möglichkeit an einer Ganztagsschule einen Freien Lernort einzurichten. Wie sähe dieser aus?

Ein solcher Freier Lernort wäre mit Büchern, Zeitschriften/ Zeitungen, Lernsoftware und Internetzugang ausgestattet, d.h. mit traditionellen und computerbasierten Medien. Außerdem würde der Lernort über verschiedene Möglichkeiten verfügen, mit Materialien zu arbeiten – angefangen von Notizblöcken bis hin zu Flipcharts und elektronischen Werkzeugen, z.B. Software zur Erstellung von Präsentationen. Idealerweise ließe sich auch von den Lernaktivitäten her denken: Was sollen Schülerinnen und Schüler an diesem Ort eigentlich „tun“? Geht man davon aus, dass ein Freier Lernort beispielsweise Möglichkeiten des Informierens, Recherchierens, Kommunizierens, Gestaltens oder des Reflektierens und Explorierens eröffnen sollte, ergeben sich entsprechende Hinweise auf die oben genannten Ausstattung. In räumlicher Hinsicht würde der Lernort in einem ansprechend gestalteten Raum mit viel Licht untergebracht sein und sowohl dem individuellen als auch dem sozialen Lernen durch die Möblierung Rechnung tragen. Dies wäre aus meiner Sicht ein Grundangebot. Entscheidend ist aber, dass Freie Lernorte Lernorte für Schülerinnen und Schüler werden, d.h. sie sollten auch die Chance haben, diese mit zu gestalten.

In Ihrem Vortrag auf dem Ganztagsschul-Kongress 2005 in Berlin machten Sie deutlich, dass Lernen durch den Einsatz neuer Medien gefördert werden kann. Allerdings führt die einfache Nutzung nicht automatisch zum Lernerfolg. Wie müssen nun diese Medien angewandt werden, damit ihre lernförderlichen Potentiale besser ausgeschöpft werden?

Auch wenn hin und wieder suggeriert wird, dass neue Medien das Lernen erfolgreicher werden lassen, so ist zunächst festzuhalten, dass neue Medien Möglichkeiten – also Potenziale – zur Unterstützung und Verbesserung von Lernprozessen bieten. Empirische Studien haben gezeigt, dass beispielsweise Fragen der Art, ob ein Lehrinhalt besser mit dem Buch oder mit dem Computer erschlossen werden kann, nicht sinnvoll sind; entsprechende Medienvergleichsstudien zeigen keine einheitlichen Effekte. Stabilere Ergebnisse liegen aus Untersuchungen zu der Frage vor, wie bestimmte Medienmerkmale – etwa Codierungsarten oder die durch das Medium angesprochenen Sinnesmodalitäten – sich auf dem Lernerfolg bzw. den Lernprozess auswirken. Hier gibt es im Bereich des Lernens mit Multimedia inzwischen auch gut abgesicherte Empfehlungen z.B. zur Gestaltung von Text-Bild-Kombinationen oder zu Simulationen und Animationen. Letztlich bleibt aber von entscheidender Bedeutung, den Einsatz von Medien in Wechselwirkung zu den Merkmalen der Lernenden, d.h. den jeweiligen Lernvoraussetzungen und im Kontext des didaktischen Settings, z.B. des Unterrichtskonzepts und/ oder der didaktischen Gestaltung z.B. eines Lernprogramms zu sehen.

Was muss also ein Lehrer / eine Lehrerin bei ihrer Unterrichtsplanung mit neuen Medien beachten?

Die verschiedenen Angebote an Lernsoftware beinhalten implizit eine bestimmte Vorstellung vom Lernen (aus der Sicht der Gestalter), d.h. zunächst einmal muss ich mir als Lehrperson darüber klar werden, für welche Lernaktivitäten die Software entwickelt wurde. Ich will es an einem Beispiel deutlich machen: Wenn ich im Physikunterricht eine Software zur Simulation von Bewegungsabläufen – etwa ballistischen Flugkurven – einsetze, dann ist diese Software nicht in erster Linie dazu geeignet, Abläufe zu demonstrieren, sondern Schülerinnen und Schüler eigenständig Hypothesen z.B. zu den Auswirkungen einzelner Parameter entwickeln zu lassen und die eigenen Vermutungen mit den Simulationsabläufen zu konfrontieren, Hypothesen zu verändern usw. Besondere Bedeutung kommt hier den Lernvoraussetzungen zu. Schülerinnen und Schüler haben zu vielen Phänomenen in der Natur – auch wenn sie diese noch nicht beobachtet haben – bereits konkrete Vorstellungen, die sich auch als subjektive Theorien oder als Alltagstheorien kennzeichnen lassen. Diese gilt es aufzuarbeiten und zu angemessenen Vorstellungen zu entwickeln, denn viele Alltagsvorstellungen haben zwar einen subjektiv hinreichenden Erklärungsgehalt, sind fachlich aber nicht korrekt. Der Wert eines Simulationsprogramms liegt also daran, sich mit seinen bisherigen Vorstellungen in konstruktiver Weise auseinanderzusetzen. Geschieht dies in kooperativer Weise, etwa in Gruppenarbeiten, können die jeweiligen individuellen Vorstellungen artikuliert und gegenseitig diskutiert werden. Der Einsatz neuer Medien ist also eine Frage der Abstimmung und Passung zwischen den Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler, dem jeweiligen Unterrichtskonzept und der Software selbst.

Weiterhin sagten Sie, dass eine intelligente Lernsoftware selbstgesteuertes Lernen fördern könnte. Welche Merkmale muss eine solche Lernsoftware aufweisen?

Diese Aussage war insbesondere ein Hinweis, mit dem Begriff der Intelligenz im Kontext neuer Medien sensibel umzugehen. „Intelligente“ Software wäre eine solche Software, die sich den Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler nicht nur anpassen würde, sondern diese auch diagnostizieren könnte. Sehr vereinfacht ließe sich sagen: Eine solche Software müsste die intelligenten Lehrhandlungen einer Lehrperson bei der Unterstützung und Förderung von Lernprozessen simulieren können. Angesichts der Vielfalt möglicher unterrichtlicher Szenarien und der Vielfalt möglicher Lernvoraussetzungen lässt sich leicht absehen, was dies allein z.B. für die Modellierung entsprechender Lernermodelle bedeuten würde.

Gibt es eine solche Software und wie erkennt der normale Lehrer resp. die normale Lehrerin sie?

Derzeit gibt es eine solche Software nicht. In vielen Produkten gibt es aber Möglichkeiten der Adaption, d.h. die Software kann entsprechend den Voraussetzungen eingestellt werden – z.B. im Schwierigkeitsgrad von Aufgaben – oder sie passt sich den Voraussetzungen automatisch an – z.B. auf der Basis von Tests. So kann beispielsweise in einer Lernsoftware mit einem Analysemodul die Schreibweise von Wörtern auf typische Fehler oder Fehlerklassen analysiert und auf dieser Grundlage dem Schüler oder der Schülerin eine Lernstrategie vom Programm vorgeschlagen werden. So elaboriert einzelne dieser Tools sind, erfassen sie jedoch immer nur bestimmte typische Voraussetzungen, mit denen die individuellen Nutzerinnen und Nutzer mehr oder weniger gut übereinstimmen.

Glauben Sie, dass durch den Einsatz neuer Medien die Lernkultur in deutschen Schulen verändert werden kann?

Ich denke, dass neue Medien eine Möglichkeit bieten, Lernkultur in deutschen Schulen zu verändern. Wenn man neue Medien ernst nimmt, erfordern sie Formen des Lernens, denen auch durch andere Unterrichtskonzepte bzw. Unterrichtsskripts oder -muster der Lehrpersonen Raum zur Entfaltung geboten werden muss. Dabei sollte nicht die Frage im Vordergrund stehen, wie ich Schülerinnen und Schülern Wissen vermitteln kann, sondern wie ich – unter Einbezug von Medien – solche Lernumgebungen gestalten kann, in denen sie Wissen erarbeiten können. Lern- und Unterrichtskultur sind aber von grundlegender Bedeutung und ihre Veränderung ist letztlich auch eine Frage der Veränderung und Entwicklung von Schulen insgesamt.

Digitale Medien und soziales Lernen: Wie passt das zusammen?

Dies passt sehr gut zusammen, wenngleich in der einen oder anderen Diskussion Disparitäten suggeriert werden. Neue Medien bieten vielfältige Möglichkeiten der Kommunikation und Diskussion sowohl in Präsenzszenarien als auch in virtueller Form, in Einzelarbeit, in Partner- oder in Gruppenarbeiten. Es gibt keine prädeterminierten Eigenschaften digitaler Medien im Hinblick auf soziale Isolation oder Ähnliches. Entscheidend ist auch hier die Frage, wie das Lernen mit digitalen Medien in unterrichtliche Lernprozesse in ihrer sozialen Bedingtheit eingebunden wird.

Was muss sich in Aus- und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer verändern, damit die neuen Medien als selbstverständliche Werkzeuge im Unterrichtsalltag genutzt werden?

Die lernförderliche Verwendung digitaler Medien im Unterricht erfordert eine intensive Auseinandersetzung sowohl mit lernrelevanten Eigenschaften digitaler Medien als auch mit angemessenen Unterrichtsmustern und fachdidaktischen Konzepten. Aus der Handlungs- oder Expertiseforschung wissen wir, dass sich Unterrichtsskripts- oder -muster von Lehrpersonen – wenn sie erst einmal einen gewissen Routinegrad erreicht haben – nur schwer verändern lassen. Hier verhält es sich ähnlich wie mit den im obigen Beispiel erwähnten subjektiven Theorien der Schülerinnen und Schüler. Dies gilt im Übrigen auch für die Vorstellungen von Unterricht, die Studierende im Laufe ihrer eigenen Schullebens entwickelt haben. Es gilt also – in der ersten wie in der zweiten Phase – die Nutzung digitaler Medien in die allgemeindidaktische und die fachdidaktische Ausbildung systematisch zu integrieren. Dabei sollte nicht das Handling von Programmen im Vordergrund stehen, sondern die didaktische Auseinandersetzung mit den digitalen Medien unter der Frage, welche Funktionen sie an welchen Stellen des Lehr-/Lernprozesses übernehmen können und welche Lernaktivitäten der Schülerinnen und Schüler dadurch angeregt, unterstützt oder ermöglicht werden. Im Bereich der Lehrerfortbildung sollten Angebote ebenfalls Möglichkeiten bieten, die bisherigen Konzepte der Unterrichtsgestaltung vor dem Hintergrund digitaler Medien zu reflektieren.

Warum ist gerade an der Ganztagsschule der Einsatz neuer Medien wichtig?

Im Grundsatz gilt natürlich, dass an allen Schulformen die Auseinandersetzung mit bzw. die Nutzung von neuen Medien eine selbstverständliche Rolle spielen sollte. Ganztagsschulen bieten aber besondere Möglichkeiten. Aufgrund der flexibleren Unterrichtsorganisation lassen sich leichter Lerneinheiten realisieren, die Arbeitsphasen mit neuen Medien integrieren – auch in themenverbindenden und fächerübergreifenden Kontexten. Zudem integrieren Ganztagsschulen schulische und außerschulische Aktivitäten. Neue Medien nehmen aber im Freizeitbereich von Jugendlichen einen sehr hohen Stellenwert ein, d.h. hier bieten sich Möglichkeiten, außerschulische Nutzungs- und Erfahrungsformen in den Schulalltag einzubinden.


Welche Empfehlungen möchten Sie Schulen und vor allen Dingen Ganztagsschulen mitgeben bezüglich des Einsatzes von Multimedia in ihrem Unterricht und der Einrichtung Freier Lernorte?

Sicherlich bin ich nicht berufen, Empfehlungen auszusprechen, zumal sie häufig schulmeisterlich klingen, aber ich würde mich freuen, wenn Ganztagsschule und das Projekt Freie Lernorte als Chance begriffen werden, die günstigen Rahmenbedingungen zu nutzen, traditionelle und neue Medien als konstitutive Elemente von Unterricht und Schulleben weiter zu entwickeln.

 

Prof. Dr. Bardo Herzig, studierte Informatik und Physik für das Lehramt an den Universitäten Bielefeld und Paderborn. 1997 promovierte er in Erziehungswissenschaft. Seit 2004 ist er Professor für Lehr- und Lernforschung an der Ruhr-Universität Bochum und ist verschiedentlich in der Lehrerfort- und -weiterbildung tätig.
Arbeitsgebiete: Allgemeine Didaktik, Schulpädagogik, Schulentwicklung, Empirische Unterrichtsforschung, Werterziehung, Handlungsorientierte Medienpädagogik / Medienbildung, Lernen mit neuen Medien.

Die Fragen stellte Cordula Pohl-Gerhard, Redaktion

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